Anfänge

Inlineskaten für Blinde, Entstehungsgeschichte 1998 – 2010 

Im Jahr 1998 starteten die Inlineskateaktivitäten im Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte der Blindenanstalt Nürnberg e. V. unter Leitung von Volker Springhart. Für die sehbehinderten Schüler sollte eine neue sinnvolle Freizeitbeschäftigung angeboten werden. Mit 55 Jahren hatte Volker Springhart Inlineskaten mit dem enormen Freizeit- und Gesundheitswert für sich entdeckt und wollte diese an die Schüler seiner Einrichtung weitergeben, in der er als Heimleiter arbeitete. Aufgrund seines Berufes hatte er reichlich Erfahrung mit blinden Menschen. Dennoch konnte er sich anfangs nicht vorstellen, dass Inlineskaten für Blinde eine geeignete Freizeitmöglichkeit sein könnte. Bei der Einführung des Inlineskatens gab es in der Einrichtung von vielen Seiten Bedenken.

Die vollblinde Schülerin Martha Kosz überzeugte Herrn Springhart davon, dass Inlineskaten eine ideale sportliche Betätigung auch für vollblinde Menschen sein kann. Martha berichtet: „Ich hatte von Freunden erfahren, dass momentan eine neue Sportart immer mehr im kommen ist, das Skaten. Nach einer kurzen Diskussion mit meiner Mutter und meinem Vater: „Oh Gott mein Kind, wenn dir da was passiert, wenn du hinfällst…“ hatte ich sie doch davon überzeugt, dass ich schnellstens ein Paar von diesen heißen Rollern brauchte. Ein paar Tage später sind wir dann auch in ein Sportgeschäft gefahren und haben mir ein Paar Inliner gekauft. Am Anfang bin ich erst ein bisschen an der Hand von meiner Mutter durch die Gegend, na ja, mehr gegangen als gefahren. Doch mit der Zeit hatte ich immer mehr den Kniff raus, wie ich mich richtig mit den Skates bewegen muss und meine Mutter wurde mir schnell zu langsam.

Als ich meine neuen Sporterlebnisse in meiner Gruppe in der Blindenanstalt erzählte, wurde mir gesagt, dass unser Heimleiter, Herr Springhart, ebenfalls schon einige Zeit auf den Inlinern steht. Da habe ich mich sofort am nächsten Tag mit ihm in Verbindung gesetzt und habe ihn gefragt, ob er mir noch ein paar Tipps geben könnte, wie ich noch sicherer auf den Skates werde. Anfangs habe ich mit ihm immer in den großzügigen Kellerfluren des Internates geübt. Dort brachte er mir das Skaten immer näher. Er hat mich dort in geschützter Umgebung langsam auf die wesentlich gefährlichere aber für mich mittlerweile auch wesentlich interessantere Skaterei im Freien vorbereitet. Jede Verbesserung chnik und jedes Lob, das ich von Herrn Springhart bekommen habe, hat mich mehr motiviert weiter zu machen. Wir haben ständig trainiert, geübt und verbessert. Nach einiger Zeit war Herr Springhart davon überzeugt, dass ich für das Fahren im Freien genügend Übung hätte und sagte mir, dass wir das nächste Mal uns bei schönem Wetter ins Outdoor-Gelände wagen könnten. Als erstes sind wir um den Duzendteich gefahren, links rum, rechts rum. Dann hat er mich auf die Große Straße am Aufmarschgelände geschickt.  Dort habe ich mich auch das erste mal getraut allein zu fahren, also ohne dass mich Herr Springhart an die Hand nimmt und führt. Er ist natürlich neben mir gefahren und hat aufgepasst, dass nichts im Weg liegt, bzw. dass mir nichts passiert. Mit der Zeit bin ich so gut geworden, dass mir das ewige Hin-und-her-Gefahre auf der „Großen Straße“ zu langweilig geworden war. Ich habe Herrn Springhart darum gebeten, sich doch mal etwas anders zu überlegen. Prompt kam dieser am nächsten Tag mit der Information, dass wir in drei Tagen beim Nürnberger Niteskate mitfahren werden. Schluck, oh weier, da hatte ich mir ja was eingebrockt! Drei Tage später ging’s los. Ich sag´s euch, das war ein Erlebnis, mit 40000 Skatern auf der Straße 15 km durch Nürnberg zu rollen.“ Soweit der Bericht von Martha. 

Die Begeisterung Marthas übertrug sich auf andere Blinde, so dass immer mehr blinde und sehbehinderte Schüler der Blindenanstalt Nürnberg das Inlineskaten auf den langen Kellerfluren lernten und ausübten. Herr Springhart hatte inzwischen mit 57 Jahren dien Instruktorenlizenz des DIV für Inlineskaten erworben und dann auch fachkundige Kursstunden für Mitarbeiter seiner Einrichtung angeboten, so dass die skatenden blinden Schüler auch für Ausfahren im Freien Begleitpersonen hatten. Die Ausfahrten mit blinden und sehbehinderten Schülern waren inmer ein besonderes Erlebnis. Die blinden Inlineskater/innen wurden an der Hand geführt, die sehbehinderten Skater/innen ordneten sich in die Gruppe ein, so dass sie immer eine Orientierung hatten.


In den Pfingsferien 2000 unternahm Volker Springhart mit 4 sehgeschädigten Jugendlichen und einem weiteren Erzieher als Begleitfahrer eine Inlinerfreizeit. Die Tour ging von Passau nach Wien.

Im Jahr 2001 hatte Volker Springhart durch Zufall die Internetseite des cappSportcup gefunden. Die Weikstiftung bot eine interessante Sportveranstaltung in München an. Vom Konzept, das hinter der Weik-Stiftung steht, war er begeistert. An der Veranstaltung am 20. Mai 2001 in München nahmen dann 7 sehbehinderten und 2 vollblinde Inlineskater/innen teil. Bei der Premiere an einer sportlichen Veranstaltung absolvierte Martha die 40 km Strecke um die Ruderregattastrecke mit Volker Spinghart in 2:14 h. Auch die anderen Teilnehmer erzielten gute Zeiten und Plätze.  Die Ergebnisse dieser ersten cSc Veranstaltung spornte die Inlineskater an des Bildungszentrums für Blinde und Sehbehinderte Nürnberg an, auch an den weiteren capp-Sport-cups teilzunehmen. Im Jahr 2002, reisten wir mit einer Gruppe mit 20 sehbehinderten und blinden Inlineskatern und 10 Begleitpersonen an. Im Jahr 2003 waren wir beim cSc in München und sogar in Langenfeld mit dabei. Im Jahr 2003 konnten zweidrittel der Internats- und Tagesstättenschüler im Kinder- und Jugendbereich inlineskaten, dabei war der Prozentsatz der vollblinden Inlineskater nicht geringer als der sehbehinderten.

Das Jahr 2003 krönten wir mit einer Inliner-Bodenseefreizeit, bei der wir Teile des Bodensees umrundeten. Die Unterseeumrundung bewältigten wir mit 70 km an einem Tag. Dabei war die vollblinde Skaterin Martha.

Inlineskaten hatte sich im Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte Nürnberg zur der prozentual am meisten ausgeübten Sportart und Freizeitbeschäftigung entwickelt. Das Angebot steht und fällt jedoch auch mit der Begeisterung des Betreuungspersonales für diese Sportart. 

Der Wunsch nach einem eigenen Inlinerplatz auf dem Gelände des Bildungszentrums für Blinde und Sehbehinderte war immer lauter geworden. Das bisherige Übungsgelände an der Großen Straße stand nicht mehr zur Verfügung, da es zunehmend als Parkplatz genutzt wurde. Es wurden verschiedene Konzepte entwickelt und aus Kostengründen wieder verworfen. Nachdem die NWW ihre provisorischen Werkstattgebäude abbaute, wurde ein geeignete Platz frei. Die Mittel für die vorgesehene Renaturierung konnten in den Bau des Platzes eingebracht werden. Mit Unterstützung der Stadt Nürnberg wurde der Bau eines eigenen Rollsportplatzes mit besonderer Eignung für blinde Skater im Jahr 2007 realisiert. In Verbindung mit der Siegerehrung der ersten Deutschen Meisterschaft im Speedskaten für blinde und sehbehinderte Sportler konnte der neue Inlinerplatz am 3. Oktober 2007 eröffnet werden.

Im Jahr 2008 ging Volker Springhart in Rente und führte seine Übungsleitertätigkeit vom Bildungszentrum für Blinde und Sehebhinderte in Nürnberg in eine Übungsleitertätigkeit für eine Sportgruppe mit blinden und sehbehinderten jungen Erwachsenen (ehemalige Schüler des Bildungszentrums) im Rahmen des Sportvereins weiter. Die blinden und sehbehinderten Kinder und Jugendlichen der Einrichtung haben die Möglichkeit auf dem neuen Rollsportplatz mit den Mitarbeitern der Einrichtung oder auch in der Kinder und Jugendgruppe des Vereins weiter zu üben und zu trainieren.

Die Inlineraktivitäten auf dem Rollsportplatz und im Keller des bbs Nürnberg wurden mit einer wöchentlichen Trainingsgruppe durch die Erzieherinnen Chris und Petra  weitergeführt- Volker Springhart unterstützt die Gruppe durch seine Teilnahme, wobei er mit 75 Jahren doch nicht mehr so aktiv auf Rollen sich in das Spielgeschehen einbringt. :-)